Astronavigation

Die Beobachtung der Gestirne (Sonne, Mond, Planeten, Fixsterne) und die regelmäßige Wiederkehr ihrer Stellung relativ zum Beobachter beschäftigt den Menschen wohl seit Urzeiten 1. Ursprünglich dienten diese Beobachtungen wohl der Zeitmessung im Jahresablauf (Saat und Ernte, etc.). In verscheidenen Hochkulturen gab es präzise Kalender zur Vorhersage von Mond- und Sonnenfinsternissen, es muss also mathematische Modelle über die scheinabre Bewegung der Gestirne gegeben haben. Leider sind die frühesten Zeugnisse vor der Entwicklung einer Schrift entstanden, und eine genaue Rekonstruktion der Anwendung ist nicht möglich.

Wie hochentwickelt astronomische Messverfahren waren, läßt sich aus der Genauigkeit der Ausrichtung von Bauwerken nach den Himmelsrichtungen erkennen. Ein Verfahren das sehr präzise die Haupthimmelsrichtungen bestimmt, ist als "Indischer Kreis"2 bekannt. Es ist in vielen Kulturen nachgewiesen und offensichtlich sehr alt.

Die Hochseeschifffahrt wurde wohl in der Jungsteinzeit entwickelt. Das heißt, die Menschen, die mit Einbäumen ohne Sichtkontakt mit der Küste auf dem Meer fuhren, mußten eine Vorstellung von Richtung und Entfernung zu Land entwickeln. Bereits 3.000 v. Chr. war die indonesische Schifffahrt soweit entwickelt, dass Australien besucht werden konnte, und um 400 v. Chr. wurden Schifffahrtslinien von Polynesien nach Hawaii eingerichtet - über immerhin eine Strecke von mehr als 5.000 sm ohne Landkontakt und mit einem recht kleinen Zielfenster.

  • Die Gestirne haben eine wiederkehrende Stellung für den Beobachter,
  • man kann das zur Zeitmessung ausnutzen,
  • zum Finden der Kardinalrichtungen, und
  • zum Bestimmen und Halten von Kursen bei der Navigation auf dem Meer.

Die Grundlagen der modernen Astronavigation wurden aber erst im 16. und 17. Jahrhundert — dem Zeitalter der Entdeckungen — gelegt. Sie basieren auf Modellvorstellungen über die Bahn der Gestirne am Himmel und präziser Zeitmessung. Als der Mensch mit der Raumfahrt die Möglichkeit entwickelt hatte, selber Himmelskörper auf vorbestimmten Bahnen in den Umlauf zu bringen — und weil Computer ihm die umfangreiche Rechenarbeit in kürzester Zeit abnahmen — konnten neue Formen der Astronavigation entstehen: die Global Positioning Systems (GPS). So wird die hohe Kunst, einen Schiffsort mit Sextant und Chronometer zu bestimmen wohl bald in Vergessenheit geraten (wenn sie auch noch Prüfungsfach für Sportbootführerscheine ist, so sind es wohl die technikskeptischen Traditionalisten, die auf dem Lernen dieser Technik bestehen).

"Klassische" Astronavigation ist aber auch interessant, intellektuell stimulierend, und lehrreich — wie wir auf den folgenden Seiten sehen werden.


Fußnoten

  1. Es existieren Artefakte aus der Altsteinzeit, die mit astronomischen Beobachtungen und Zeitmessung interpretiert werden. (Zitiert nach: Wolfgang Schlosser und Jan Cierny, "Sterne und Steine — Eine praktische Astronomie der Vorzeit", 1996. Darmstadt. Wissenschaftliche Buchgesellschaft) zurück
  2. Marcus Vitruvius (ca. 14 v. Chr.), De architectura. Druckausgabe Gotha, (1857) als PDF zurück

© Rainer Stumpe, URL: http://www.rainerstumpe.de/

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