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Erster Theil.

Allgemeine Chemie, oder Lehre von der Affinität im Allgemeinen.

  • Menzel Lehre von der Verwandschaft. Dresden 1777.
  • Bergmann de attractionibus electivis. Opusc. 3, 291.
  • Guyton de Morveau Affinité in der: Encyclopédie méthodique par ordre alphabetique des matiéres. Paris. 1786-96.
  • J. B. Richter Anfangsgründe der Stöchyometrie. Breslau und Hirschberg. 1792.
  • Berthollet recherches sur les lois dé l'affinité. Par. 1801. Uebers. von Fischer.
  • Berthollet essai de statique chimique. Par. 1803. Ubers. von Fischer.
  • Gay-Lussac über die Verbindungen gasförmiger Körper. In Gilb. 36, 6, im Ausz. in N. Gehl. 9, 203.
  • Dalton neues System des chemischen Theils der Naturwissenschaft. Uebers. von Wolff. Berlin 1812. 1, 232.
  • Berzelius Versuch, die bestimmten und einfachen Verhältnisse aufzufinden, nach welchen die Bestandtheile der anorganischen Natur miteinander verbunden sind. In Gild. 37, 249 und 415; 38, 161; 40, 162 und 235.

Synonyme: Chemische Kraft, Verwandtschaft, Wahlverwandtschaft, Wahlanziehung, affinitas, attractio electiva, affinité.

Die Affinität ist diejenige Anziehungskraft, welche sich nur beim unmittelbaren Contakt heterogener Körper äußert, und deren Erfolg Verbindungen der heterogenen Körper zu einem homogenen Ganzen ist. Diese gebildete Verbindung heißt chemische Verbindung, zum Gegensatz der mechanischen, Gemisch oder Mischung zum Gegensatz von Gemeng; eine flüssige chemische Verbindung heißt auch Auflösung. Der Akt der Vereinigung ist die synthesis, compositio.

Bei weitem nicht alle Stoffe zeigen gegen alle übrigen Affinität; ob sie auch wirklich nicht alle gegeneinander Affinität haben, oder ob sie diese nur nicht immer zeigen können, wenn andere Naturkräfte vorherrschen, ist nicht ausgemacht, doch ist ersteres wahrscheinlicher. Die vier Elemente.

Verhältnis der Affinität zu anderen Kräften.

  1. Mechanische Gewalt. Nur Verbindungen wägbarer Stoffe mit unwägbaren können durch Druck und stoß getrennt werden. Compression des Wasserdampfes; Elektrizitätsentwicklung durch Reiben u. s. w. Chemische Verbindungen wägbarer Materien widerstehen aller Trennung durch mechanische Gewalt.
    Das Hindurchpressen eines Amalgams durch Gemsleder ist nur eine scheinbare Ausnahme, da sich das Amalgam schon zuvor in ein festes und in ein flüssiges getrennt zeigt.
  2. Schwerkraft. Das verschiedene specifische Gewicht der Körper bewirkt zwar, daß die Vereinigung in dem Falle viel langsamer erfolgt, wo sich der schwerere zu unterst befindet; doch auch in diesem Falle vereinigt er sich allmälig gleichförmig mit dem leichteren, und nach einmal geschehener Vereinigung ist die Schwerkraft nicht mehr im Stande, eine Abtrennung hervorzubringen.
  3. Cohäsion. Diese wirkt der chemischen Verbindung auf dreierlei Weise entgegen.
    1. Je zusammenhängender ein Körper ist, desto weniger Berührungspunkte bietet er dem anderen dar, und desto langsamer erfolgt daher die Verbindung.
    2. Die meisten Stoffe vereinigen sich nur in dem Falle miteinander, wenn wenigstens der eine flüssig ist, besonders wohl wegen der unvollkommenen Berührung, welche bei der Unbeweglichkeit der einzelnen Theile eines festen Körpers statt finden muß. Daher die alte Regel: Corpora non agunt nisi fluida. Den flüssigen Körper nennt man das Auflösemittel, menstruum, den festen den aufzulösenden oder aufgelösten Körper, das solvendum oder solutum; übrigens sind beide Körper bei der Verbindung als thätig anzusehen.
      Ausnahmen von dieser Regel machen: Eis und Kochsalz, Eis und salzsaurer Kalk, Kalk und Salmiak; krystallisierte Kleesäure und Kalk.
    3. Da die Cohäsion der Affinität zeigenden Körper gänzlich überwunden werden muß, wenn sie sich zu einem neuen Ganzen verbinden sollen, so wird die Vereinigung nur in dem Falle erfolgen, wenn die Affinität über die beiderseitige Cohäsion überwiegt. Man findet auch die auflösende Kraft flüßiger Körper fast immer durch erhöhte Temperatur, welche die Cohäsion des festen Körpers vermindert, erhöht, so wie sie durch Temperaturverminderung wieder abnimmt, wo der feste Körper zum Theil oder auch ganz das Auflösungsmittel wieder verläßt. Praecipitatio spontanea.
      Salpeter und viele andere Salze in heißem Wasser aufgelöst: Wasser in Schwefelsäure, Essig, Weingeist, Salzwasser aufgelöst u. s. w. Nomiésches Thermometer.
      Um diesen, die Affinitätsäußerung hindernden Wirkungen der Cohäsion entgegenzuarbeiten, bedient man sich bei vielen chemischen Operationen
      1. Der Verkleinerung, Pulverisierung der festen Körper;
      2. Der Temperaturerhöhung.
  4. Lebenskraft. Man findet, daß sich in den lebenden organischen Körpern andere Verbindungen erzeugen, als außerhalb; daß die organischen Körper, sobald sie ihr Leben verloren haben, ein ganz verschiedenes Affinitätsspiel zeigen, welches sich mit ihrer Zerstörung endigt. Die Lebenskraft muß daher einen besonderen Einfuß auf die Affinität ausüben.

Umstände und Erfolge bei der chemischen Vereinigung unwägbarer Stoffe mit wägbaren.

  1. Die Verbindung erfolgt bei denselben Stoffen desto schneller, je mehr Berührungspunkte vorhanden sind, und in je größerer Intensität der unwägbare Stoff angewendet wird. - Die Zeit, in welcher die Vereinigung bei verschiedenen Stoffen erfolgt, wird wahrscheinlich bestimmt durch die verschieden große Affinität.
  2. Die Eigenschaften der Verbindung sind abweichend von denen der Bestandteile, das Licht verliert in ihnen seine leuchtende, die Wärme ihre wärmende Kraft. Der wägbare Stoff nimmt gewöhnlich durch seine Vereinigung mit dem unwägbaren an Dichtigkeit ab - eine Ausnahme macht das Eis bei seiner Verwandlung in Wasser - und ändert häufig seinen Aggregatszustand; oft auch die Farbe und andere sinnliche Eigenschaften.

Umstände und Erfolge, die mit der chemischen Verbindung wägbarer Stoffe untereinander gegeben sind.

  1. Die Verbindung erfolgt mit verschiedener Geschwindigkeit. Bei einerlei Stoffen wird die Zeit, in der die Verbindung erfolgt, bestimmt durch ihre Menge, ihre verschieden feine Zertheilung, die Temperatur und den Luftdruck. - Bei verschiedenen Stoffen gilt im Allgemeinen folgendes: Je größer ihre Affinität ist, je geringer ihre Cohäsion und Elasticität, je flüssiger die entspringende Verbindung ist, und je weniger der schwerer Stoff zu unterst liegt, desto schneller erfolgt die Vereinigung.
  2. Bei jeder Verbindung findet eine Temperaturveränderung statt; meistens eine Erhöhung, häufig auch mit Lichtentwicklung; Brennbare Körper und Sauerstoff, Schwefelsäure und Wasser, Wasser und Kalk; - seltener eine Erniedrigung; Wasser oder Eis und verschiedene Salze.
  3. Das specifische Gewicht der Verbindung hält nie genau das Mittel zwischen den specifischen Gewichten der Stoffe vor der Verbindung; in den allermeisten Fällen findet, oft sehr beträchtliche, Verdichtung statt. Nur wenige Metalle nehmen beim Zusammenschmelzen an Dichtigkeit ab, z. B. Kupfer und Silber.
  4. Die Verbindung erscheint, auch einem gewaffneten Auge vollkommen homogen; man kann nicht mehr die einzelnen Bestandtheile discernieren.
  5. Die Verbindung ist nie trüb, sondern entweder undurchsichtig, oder vollkommen klar.
  6. Sammtliche Eigenschaften der neuen Verbindung halten nicht das Mittel zwischen den Bestandtheilen, namentlich Cohäsion, Krystallform, Farbe, Geschmack, Geruch u. s. w. So weichen auch die chemischen Verhältnisse der Verbindung von denen der Bestandtheile ab.

Im Allgemeinen zeigt die neue Verbindung desto abweichendere Eigenschaften, durch eine je größere Affinität sie hervorgebracht ist.

Operationen, die auf die chemische Verbindung wägbarer Stoffe mit unwägbaren gegründet sind.

Hier sind nur aufzuführen:

  1. Die Schmelzung, und
  2. Die Dampfbildung.

Operationen, die auf die chemische Vereinigung der wägbaren Stoffe untereinander gegründet sind.

  1. Geht die Vereinigung schon bei gewöhnlicher oder wenig erhöhter Temperatur vor sich, indem wenigstens der eine Körper flüssig ist, so erhält man eine Auflösung auf nassem Wege, solutio via humida. Saltz in Wasser. Jedoch führt die Verbindung eines luftförmigen Körpers mit einem tropfbar flüssigen oder festen noch den besonderen Namen einer Adsorption. Salzsaures Gas und Wasser.
  2. Ist ein höherer Hitzgrad zu Hervorbringung der Vereinigung erforderlich, indem entweder beide Stoffe fest sind, oder der eine oder beide elastisch flüssig sind, so heißt die folgende Verbindung eine Auflösung auf trockenem Wege, solution via sicca. Diese ist eine Verbrennung, combustio, wenn sie mit Licht und Wärmeentwicklung verbunden ist; eine Zusammenschmelzung, confusio, wenn die Körper zur Bewirkung der Verbindung in einen liquiden Zustand übergeführt werden; eine solutio vaporosa, wenn die in den Dampfzustand versetzt werden müssen.
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